
Zusammen mit dem Land Baden-Württemberg feiert auch die Arbeitsgemeinschaft der Sing-, Tanz- und Spielkreise in Baden-Württemberg e.V. in diesem Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum.
Beim grossen Festakt des Landes am 27. April 2002 in Stuttgart säumten viele Trachtenpaare den Weg von der Kirche St. Eberhard zum Staatstheater und weiter zum Landtag. An verschiedenen Plätzen erfreuten Fahnenschwinger, die Gäste und vor dem Landtag tanzte eine Gruppe einen beschwingten Bändertanz.
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gingen eine beglückende Verbindung ein, die zu einer Ermutigung wurde. Das tat gut in einer Zeit, in der Hass und Zwietracht in der Welt eher wieder zu- als abnehmen.
Ihre Arbeitsgemeinschaft hat sich von Anfang an zum Ziel gesetzt, die Menschen auf friedlichem Weg zusammenzuführen, um ihre Begabungen zu fördern und ihnen die Chance zu geben, sie zur Freude anderer Menschen einzusetzen.
Liebe Freunde, das ist Ihnen in bewundernswerter Weise gelungen. Ihre Mühen haben sich gelohnt. Ihr Wirken ist aus Baden-Württemberg nicht mehr wegzudenken.
Deshalb habe ich auch gerne Ihrer Bitte entsprochen, heute den Festvortrag zu halten zu Ihrem 50-jährigen Jubiläum. Es ist zwar gar nicht einfach, Ihr vielfältiges Angebot in kurze Worte zu fassen und Ihre geschichtliche Entwicklung nachzuzeichnen. Doch will ich es gerne versuchen.
Gerne denke ich dabei an die guten Begegnungen bei den Heimattagen und beim Adventssingen zurück. Ihre Veranstaltungen erbrachten immer wieder neu den Beweis, dass die Volksmusik, der Volkstanz und das überlieferte Brauchtum eine elementare aufbauende Kraft in sich bergen. Diese Kraft schöpft aus. der Vergangenheit und aus der Gegenwart, und weist in die Zukunft.
Je anonymer unser Leben durch die Globalisierung der Weltwirtschaft wird und die technischen Kommunikationsmöglichkeiten über Computer und Internet reale Begegnungen ersetzen, umso wichtiger wird das gemeinsame Tun im Rahmen eines gemeinsamen positiven Zieles mit persönlichen Begegnungen.
Bald nach dem 2. Weltkrieg begannen die ersten Versuche, die Volksmusik und den Volkstanz wieder zum Leben zu erwecken. Viele Heimatvertriebene brachten ihr altes Liedgut und ihre Tänze mit und haben z.T. sogar noch ihre Trachten gerettet. In Baden-Württemberg selbst wurden ebenfalls viele brachliegende Schätze ausgegraben.
Wir haben es vor allem Kurt Wager zu verdanken, dass in der Jugend und Sportleiterschule in Ruit schon 1949 die ersten Volkstanz-Lehrgänge unter seiner Leitung stattfanden. Daneben kam das erste Volkstanzheft heraus, das eine feste Grundlage für die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Gruppen wurde. Demselben Ziele dienten die vielen später erschienenen Liedblätter der Singkreise.
1952 war es dann so weit, dass unter der Leitung von Kurt Wager, der schon 1947 den Stuttgarter Spielkreis ins Leben gerufen hatte, die Arbeitsgemeinschaft der Sing-, Tanz- und Spielkreise in Baden-Württemberg e.V. mit Sitz., in Stuttgart gegründet wurde.
Mitglieder wurden Jugendgruppen und Einzelpersonen, die das Brauchtum in Baden-Württemberg in Volkstanz, Volkslied, Volksmusik, Laienspiel, Tracht und volkskundlicher Werkarbeit pflegen, erhalten und weiter verbreiten wollten. Ihr Anliegen war es, das kulturelle Erbe unserer Landschaft, aber auch der anderen deutschsprachigen Volksstämme aus Europa zu bewahren und weiter zu tragen.
Aus den fünf Gründungsgruppen sind inzwischen über 70 Gruppen geworden. Dazu kamen viele Einzelmitglieder, von denen viele zugleich auch anderen Verbänden angehören. ich nenne in diesem Zusammenhang nur beispielhaft den Schwäbischen Albverein, den Schwarzwaldverein, die Landjugend, die DJO, die Trachtenverbände und die Verbände der Heimatvertriebenen.
Die Arbeitsgemeinschaft bietet seit ihrem Beginn viele Lehrgänge und Arbeitstagungen an. Daneben werden Sommer- und Winterfreizeiten in vorbildlicher Weise für die ganze Familie angeboten. Diese Freizeiten sind besonders beliebt und begehrt. In ihnen wird Tanzen, Singen, Musizieren und Wandern angeboten. Das ist ein Gesamtprogramm, das den ganzen Menschen fördert und erfreut.
Es dauerte nicht lange, dann wurde die Arbeitsgemeinschaft zu Musik- und Tanzveranstaltungen ins Ausland eingeladen. Besonders nach Schweden und Südafrika haben sich enge und herzliche Beziehungen entwickelt, die später auch auf Flandern, England, Österreich und die Schweiz ausgedehnt wurden. Die deutschen Teilnehmer erhielten durch die freundliche Aufnahme von Seiten ihrer Gastgeber im Ausland viel Ermutigung und Selbstvertrauen, was zunächst durch die Kriegsereignisse sehr erschüttert war.
Die deutschen Gruppen wurden bei ihren Auftritten im Ausland zu frohen Botschaftern eines neuen demokratischen Deutschlands.
Inzwischen wuchsen die Aufgaben der Arbeitsgemeinschaft so stark an, dass es dem Vorstand nicht mehr möglich war, alles allein zu regeln. Es wurden mehrere Fachreferate gebildet mit erfahrenen Frauen und Männern an der Spitze. Dies hat sich inzwischen sehr bewährt.
Es ist erstaunlich, wie viel Bildungsarbeit in diesen 50 Jahren ehrenamtlich von der Arbeitsgemeinschaft geleistet wurde. Diese erfolgreiche und gute Arbeit wirkt sich auch positiv auf andere Verbände aus, die eng mit der Arbeitsgemeinschaft zusammenarbeiten.
Immer wieder waren Männer und Frauen bereit, Verantwortung zu übernehmen für andere, für Alt und Jung. Besonders dankbar möchte ich dabei die Jugend und die Kinder erwähnen, die eine vorbildliche Förderung erhalten in Form von Schüler- und Kinderfreizeiten und Kinder-Tanzfesten. Herzlichen Dank ;allen Betreuern, die sich hier Jahr um Jahr einsetzen.
Nach dem schlimmen Geschehen in Erfurt wird uns wieder erneut deutlich. wie wichtig es ist, dass die jungen Menschen eine gute Wegbegleitung erhalten, damit sie ihre Kräfte positiv entfalten können und nicht von falschen Vorbildern zum Bösen verführt werden.
Sie, lieber Herr Preisenhammer, haben in Ihrer Ansprache beim 40-jährigen Jubiläum der Walther-Hensel-Gesellschaft vom Übergang von der Erlebnisgeneration zur Bekenntnisgeneration gesprochen. Das ist ein nachdenkenswertes Wort.
Zum Glück haben wir in Westeuropa seit 50 Jahren Frieden. Leider schwindet aber das Bewusstsein, dass dies nicht selbstverständlich ist und ganz schnell verloren gehen kann, wenn wir nicht genug wachsam bleiben. Wir müssen uns täglich neu zum Frieden bekennen und ihn in unserem eigenen Umkreis bewahren und pflegen.
Die frühere Bundesvorsitzende der Landfrauen, Marie-Louise Gräfin Leutrum von Ertingen sagte einmal zu mir: "Friede können wir nur bewahren, wenn wir uns täglich um das Gleichgewicht der Kräfte bemühen. In uns selbst, in der Familie, in der Gemeinde, in den Völkern." Wie recht hatte sie. - Liebe Freunde, dazu gehört das Gespräch miteinander-, der Gedankenaustausch, das miteinander Singen und Tanzen, das sich gegenseitig Annehmen.
Es bedarf des Aufspürens der Quellen, aus denen unsere Vorfahren ihre Lebenskraft geschöpft haben. Es ist die Kultur des christlichen Abendlandes, die von unzähligen Frauen und Männern in freudvollen und leidvollen Zeiten geschaffen wurde. Diese Kultur verbindet uns in Europa über die nationalen Grenzen hinweg.
Erst vor wenigen Tagen habe ich den jungen Schülerinnen und Schülern meiner früheren Schule in Markgröningen von der Charta der Heimatvertriebenen berichtet, die am 5. August 1950 in Stuttgart feierlich verkündet wurde. Es war der Verzicht auf Rache und der Wunsch, gemeinsam ein Europa in Frieden und Freiheit zu schaffen, wo immer wir auch leben.
Dort bin ich daheim wo ich auf Verständnis stoße, wo ich ernst genommen werde" wo ich positiv mitwirken darf am gemeinsamen Leben. Dort, wo ich mit anderen zusammen fröhlich sein kann. Dort, wo ich mich auch ausweinen kann, wenn ich mit meinen Problemen allein nicht mehr fertig werde. Dort, wo ich ein verständnisvolles Du finde.
Wir hören heute oft das Wort: "Wir brauchen wieder mehr Zuwendungskraft füreinander." Ich las einmal ein sehr gutes Wort von dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber. Er sagte: "Ich werde nur zum Ich durch das Du!"
Erleben wir nicht gerade das bei den Volkstänzen in froher Weise? Wie wichtig ist es dabei, sich gut aufeinander einzustellen, sich aufeinander verlassen zu können, eine frohgemute Einheit in der Zweisamkeit und in der Gruppe zu sein. Und erleben wir es nicht beim Singen und Musizieren, wo jeder seinen Part beherrschen muss, aber sich diszipliniert einzuordnen hat in den gemeinsamen Klang, der erst den vollen Erfolg bringt?
Für Ihre Arbeitsgemeinschaft der Sing-, Tanz- und Spielkreise gilt auch das Wort von Theodor Heuss, unserem ersten Bundespräsidenten. Er sagte: "Die Demokratie lebt aus dem mit mir und mit dir. Sie stirbt an dem ohne mich."
Lassen Sie mich an dieser Stelle einen herzlichen Dank sagen an alle ehrenamtlichen Führungskräfte in den vergangenen 50 Jahren in Ihren Fachreferaten, in Ihren einzelnen Gruppen. Wenn ich in Ihren Rundbriefen die Namen lese, stoße ich immer wieder auf dieselben Nachnamen. Nur die Vornamen ändern sich hin und wieder bei gleichem Nachnamen. Die Aufgaben werden also von der einen auf die andere Generation übertragen.
Ihre gemeinsame Freude an der Volksmusik, dem Volkslied, dem Volkstanz, der Volkskunst hält die Familien zusammen und befreit sie zur Mitverantwortung zugunsten von uns allen. Ihre Gruppen bereichern auch in diesem Jahr wieder die Landesgartenschau mit einem bunten Programm im Rahmen ihres Volkstanztreffens am 1. und 2. Juni diesen Jahres mit Tanzen, Singen und Spielen. Dazu kommt das handwerkliche Gestalten. Alle Ihre Beiträge laden Jung und Alt ein zum Zuhören, Zuschauen und zum Mitmachen.
Und über die 50 Jahre hinaus bieten Sie weiterhin mit vielen engagierten Frauen und Männern, die alle ehrenamtlich tätig sind, die Pflege des Volksliedes, der Volksmusik, des Volkstanzes an. Dazu kommen das Tragen der Trachten, das Fahnenschwingen, die volkskundliche Werkarbeit und die Hinführung von Kindern und Jugendlichen in die Bereiche Ihrer Kulturarbeit.
Sie fördern aber auch vorbildlich die Kontakte zwischen verschiedenen Volksstämmen in Europa und weit darüber hinaus. Mit den Worten, die ich einmal las, will ich meinen Dank, und meinen Respekt vor der über 50 jährigen Lebensleistung Ihrer Arbeitsgemeinschaft zusammenfassen in der Hoffnung auf ein noch langes segensreiches Wirken zugunsten von uns allen: "Tradition heisst nicht die Asche hüten, sondern das Feuer erhalten."
Dass Ihnen dies weiterhin gelingen möge, ist mein herzlicher Wunsch in grosser Dankbarkeit für Ihr bisheriges segensreiches Wirken.