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Meine Eindrücke von der Wintersingwoche 1999/2000

„Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt,

dem Turme geschworen, gefällt mir die Welt"

 

Gneists Türmerlied nach Worten von Goethe kommt mir in den Sinn, wenn ich mich bei der Beschreibung dieser in mancher Hinsicht sicher außergewöhnlichen Woche von außen herantaste. Meine erste Wintersingwoche – ich war mächtig gespannt.

Trutzig wie eine Burg liegt die Jugendherberge oberhalb des geschichtsträchtigen Orts Murrhardt. Besonders wenn man nachts von den obersten Guckfenstern auf die Lichter im Tal blickte, hatte man den Eindruck der absoluten Weltabgeschiedenheit. Im Inneren dieser „Burg" allerdings war es bald quicklebendig und wir fühlten uns nach kurzer Zeit wie die Glieder einer großen Familie, die eine Woche lang miteinander arbeiten und feiern wollte.

Entgegen der Gepflogenheiten möchte ich meinen DANK schon gleich zu Anfang abstatten bei den bewährten Leitern Reinhold Frank, Herbert Preisenhammer, Ute Stauber und allen Mitgliedern, die eine so fruchtbare Woche möglich machten, deren Arbeit an der Sache ja schon lange vorher beginnt und gewiß nicht nach einer Woche endet; die alles daransetzten, daß es eine gelungene Zeit wurde.

Ein Wort fiel mir ein, das der technischen, künstlerischen, kulinarischen und menschlichen Seite gleichermaßen gerecht wird, nämlich das Prädikat „ausgewogen". Die Einteilung der zur Verfügung stehenden Zeit und das Ausfüllen derselben waren einfach ausgewogen. Auf Herberts Frage an meine Schwester, die mit zwei Töchtern und fünf Enkeln aus der Schweiz gekommen war, nach den Höhepunkten der Woche, meinte sie: „Hier gibt es doch nur Höhepunkt!" Wie recht hatte sie.

Schon das normale Tagesprogramm enthielt kleine Höhepunkte. Das ging an mit dem fröhlichen „Guten Morgen" beim Frühstück, dem ersten täglichen Wiedersehen der – einem erstaunlich bekannt gewordenen – Teilnehmer. Der MORGENKREIS danach ließ alle stille werden beim Lauschen auf die verschiedenen Musikanten und auf die von Herbert vorgetragenen tief- und hintergründigen, auch humorvollen Weisheiten. Niemand wird die dramatische Geschichte am Telefon, das bezaubernde Erfassen des Lichtes, die „Ehrung von Vater und Mutter" je vergessen, auch nicht die Beschränktheit des Wurzelprofessors oder die geheime Warnung in der Geschichte von der ewig zu spät kommenden jungen Frau. Immer konnte man einen wichtigen Aspekt des Lebens mit in den Tag nehmen.

Nach dem Stillsitzen dann die „Bewegungstherapie" und die von Ute so charmant vermittelte STIMMBILDUNG. Beim imaginären Blumenpflücken und Duft-Einatmen gingen die „Turnübungen" allmählich in Sprechen und Singen über, immer im Bemühen, das Zwerchfell in die rechte Lage zu bringen. Spätestens beim „schön, daß du da bist!" fühlte sich der letzte Neue voll angenommen, wie ja überhaupt das Angenommensein ein Merkmal dieser Singwochen ist und den Geist derselben bestimmt.

SINGEN mit Ute bis 10 Uhr, Singen mit Herbert bis 12 Uhr, eigenes KINDERPROGRAMM von 10 bis 12 Uhr, alles scheinbar Routine. Und doch ist es jeden Tag eine neue Herausforderung, ein neuer Genuß. So wurde dank Herberts und Utes bemerkenswerten didaktischen Fähigkeiten die nicht für jedermann leichte Aufgabe bewältigt, die Bachkantate Nr. 192 (Nun danket alle Gott) einzuüben.

Die Nachmittage verliefen ebenso planmäßig ausgewogen: Nach dem Essen, Mittagsruhe und Kaffeepause trafen sich die INSTRUMENTENGRUPPEN zum Proben, die BASTELFREUNDE scharten sich um Grete und Renate zu fröhlichem Tun, ebenso die Kinder zu ihrem Programm von 3 bis 6 Uhr. Um halb fünf versammelten sich alle wieder zum CHORSINGEN: Ans Abendessen schloß sich das Schlußsingen zusammen mit den Kindern an und die von Sibylle unnachahmlich vorgetragene, heiß ersehnte GUTE-NACHT-GESCHICHTE. Die Abende waren meist der Einübung verschiedener TÄNZE gewidmet unter Werner Wenzels bewährter Leitung. Er hatte es mit manchen Ungeübten sicher nicht leicht, aber er meisterte alle Schwierigkeiten.

Alle diese Aktivitäten waren mit persönlichem Einsatz und viel Freude am Musizieren und Singen verbunden. Gerade bei der Wintersingwoche ist die Bedeutung der Arbeit am überkommenen Kulturgut besonders offensichtlich, sind doch hier in erheblichem Maße Gruppen von Kindern und Jugendlichen vertreten, an die das Kulturerbe weitergegeben werden soll; und es ist besonders schön für die Älteren zu sehen, mit welch erfrischender Selbstverständlichkeit es angenommen wird, selbst von den Jüngsten.

All dieses „normale" Treiben in den schönen Räumen wäre die Teilnahme schon wert gewesen. Aber nun kamen dazu noch die beglückenden und stimmungsvollen Stunden, die einem vergönnt waren in dieser Woche „zwischen den Zeiten", diesmal beim besonderen Schritt von einem Jahrtausend zum nächsten und die die Woche zu einem so abgerundeten Ganzen machten.

Der erste solche Höhepunkt war der Besuch der Liederhalle in Stuttgart am 30. Dezember zur Aufführung der 9. Sinfonie von Beethoven. In je einer Stunde an den ersten beiden Tagen bereitete Herbert die Konzerthungrigen trefflich auf das Ereignis vor, indem er auf Beethovens Leben und die Bedeutung der 5. Sinfonie darin einging, durch Aufnahme und projizierte Notenbeispiele den Vortrag auflockernd, um uns dann in die Besonderheiten der 9. Sinfonie des schon voll ertaubten Komponisten einzuführen. Mit diesem Wissen ausgestattet war unser Ohr nun viel hellhöriger im Beethoven-Saal der Liederhalle und der Genuß entsprechend gesteigert.

Der folgende Tag brachte die Verabschiedung des alten Jahres in besonders festlicher Weise. Wie Herbert im WHG-Rundbrief Nr. 44 bemerkte, gehört zur Volkskultur auch die Fest- und Feiergestaltung. Und da fehlte wirklich nichts, was geboten erscheint, um die erwartungsvollen Herzen höher schlagen zu lassen. Nach einem – wie es scheint – ganz normalen Programm wechselte dieses abrupt: In Tracht oder sonst hübsch gekleidet standen um 18 Uhr alle in erwartungsfroher Stimmung vor dem Speisesaal wie vor dem Weihnachtszimmer, bis das festliche Buffet eröffnet wurde. Von den jetzt an den Wänden entlang gereihten Tischen fiel der Blick auf ungeahnte Köstlichkeiten. Ein besonderer Dank für die Künste der Küche sei hier angebracht! Es gab keine „Schlacht am kalten Buffet", es ging sehr rücksichtsvoll zu, bis alle ihren Teller gefüllt hatten und sich den Genüssen hingaben.

Ausgelassen sein durfte man später wieder beim Tanz, wo sich die malerischen Trachten ineinander verwoben bei unendlichen Polkas zu gekonnter Musik. Auch dies jedoch fand ein jähes Ende – und wieder stand die gespannte Menge vor der Tür, bis um 22 Uhr zum Einlaß geläutet wurde und alle feierlich in den völlig verwandelten, von Kerzen erhellten Raum einzogen und mit „Ahhh" und „Hmmmmm" an den weihnachtlich geschmückten Tischen Platz nahmen. Einen weihnachtlichen Nachglanz zauberten auch die Worte und Lieder in diesen eineinhalb Stunden der Einkehr, bis es hieß: Auf, zur Silvesternacht! Und gross und klein stapften durch den verschneiten Wald, viele mit Fackeln den Weg weisend, zu einem freien Platz, wo – o Wunder – ein kerzenerhellter Christbaum alle um sich versammelte. Wir brauchten keine Böllerschüsse und Raketen, ein Trompetensolo, Lieder und Gedichte waren die Brücke in diesen weihevollen Augenblicken hinüber zu der Sekunde, da das neue Jahr anbrach. Und die guten Wünsche flogen von Herzen zu Herzen so vieler alter und neuer Freunde. Noch eine kurze Rast, dann stapften wir um ein wundersames Erlebnis reicher hinein in das neue Jahrtausend und in die warme Stube, wo es mit Liedern zur Gitarre gemütlich weiterging bis in die spätere Nacht ...

Dafür „Ausschlafen!" und freier Vormittag am 01.01.2000!

Nachdem das Singen am Neujahrstag noch der Vorbereitung für den Sonntag gegolten hatte, bewegten wir uns in den folgenden Tagen sozusagen nur noch auf den Höhepunkten. Die („nicht allzu schlechte" – wie Herbert wohl urteilen würde) Darbietung der einstudierten Bachkantate mit Streichern, Orgel (Johannes Becker) und Oboe (Ute Stauber) und der verschiedenen Lieder im Sonntagsgottesdienst in Murrhardt machte uns viel Freude.

Der Nachmittag vereinte ad hoc alle Instrumente unter einem Hut, und was dabei herauskam, war wunderschön anzuhören. Auch konnten wir uns nun endlich mit Muße Herberts Kantate „Dem festlichen Tage" (nach Worten von Goethe) widmen, und sie machte uns riesigen Spaß, weil ohne großen Zeitdruck einstudiert werden konnte.

Von zwei in den letzten Tagen angebotenen Vorträgen konnte ich leider nur den von Marga Pollach besuchen. Sie hat sich bemüht, uns in die Anfänge der Frauenbewegung in Deutschland einzuführen, deren Früchte uns heute selbstverständlich sind, und Namen wie Helene Lange, Gertrud Bäumer, Henriette Schrader, Luise Kieselbach und viele mehr wurden zum Leben erweckt. Danke!

Wie viele Talente hier auf einem Fleck beisammen waren und wieviel Zeit darauf verwendet worden war, sie angenehm hörbar und sichtbar werden zu lassen, bewiesen der vorletzte Nachmittag und Abend. Angefangen mit dem Kinderorchester, das schon zu berechtigten Hoffnungen auf mehr in kommenden Jahren Anlaß gab, über die erstaunlich große und vielfältige Flötengruppe, das glanzvolle Streicherensemble, die Gitarrenvirtuosen bis zur geliebten Stubenmusik, alles fand große Anerkennung und Dankbarkeit für echten Ohrenschmaus. Hier sei Manfred und Claudia Liebscher, Ruth und Sigurd Kinzler, Wolfgang Schwarz und Florian Bürgel ganz besonders gedankt für ihr Engagement.

Der bunte Abend war eine Talentshow anderer und individueller Art und war ein schöner interner Abschluß dieser so reichen gemeinsamen Zeit. Der dann endgültige letzte Abend war den Abschlußtänzen bei Kerzenschein im großen Pfarrsaal von Murrhardt gewidmet und war so recht angetan, einem den Abschied schwer zu machen. Die unermüdlichen Musiker heizten uns immer wieder ein und der Tanzmeister gab präzise Anweisungen, damit nichts durcheinander geriet.

 

Aber einmal ist auch die schönste Woche zu Ende und ich kann nur noch einmal mit dem Türmer sagen:

„Ihr glücklichen Augen, was je ihr geseh‘n,

es sei, wie es wolle, es war doch so schön".

Ich verabschiede mich von allen alten und neuen Freunden mit einem Gruß und Segenswunsch in Erinnerung an den gemeinsamen Weg von der Weihnachtszeit zum Neuen Jahr.

In dieser Nacht erscheint ein heller Schein,

in unsre Dunkelheit kommt er von fern

und strahlt hinein in jedes Menschenherz,

sei es auch angsterfüllt und voller Schmerz.;

läßt uns den Weg erkennen Schritt für Schritt

und wandert selbst auf unserm Wege mit

durch Raum und Zeiten, die wir nun durchschreiten.

Es segne euch und möge euch geleiten!

 

Margarete Frauscher, München


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