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Neu in einer großen Familie

Tübinger Volkstanzwoche 2. - 8. Januar 2000

 

Eigentlich wollte ich mich ja zurückziehen, so in die Einsamkeit und Stille. Genug geschafft hab‘ ich, das entsprechende Alter auch. (Wann hat man es eigentlich?) Es war laut und hektisch, in der Firma, auf den Straßen, mit den vielen Menschen.

Und so richtig rein in die soeben erreichte gemütliche Besinnlichkeit platze eine Anregung von Freunden: „Mensch, geh doch mal raus aus dem Loch, geh mal unter Leute, beweg‘ dich mal!" (Als wenn ich mich nach der Renovierung von zwei Bauernhäusern über Bewegungsarmut oder gar Übergewicht beklagen könnte!) „Da ist eine Tanzwoche, die beginnt am 2. Januar in der Juhe in Tübingen. Volkstanz." (Was ist das denn?)

Getanzt hab ich eigentlich schon immer gern, früher, hörte dann aus den bekannten Gründen schlagartig auf: eigene Frau, zu wenig Platz auf der Tanzfläche, ich hielt mit dem modernen Gezappel nicht mehr Schritt, fiel mit meinen raumfüllenden Figuren, die ich noch dunkel in Erinnerung hatte, unangenehm auf (altmodisch). Jetzt also, nach Jahrzehnten der Abstinenz, ein Anstoß, und das im soeben begonnenen Millenium! Gejuckt hat mich das schon, hatte natürlich auch Bedenken: so ganz neu, unter so vielen Profis. Und dann kannst du – denn das wußte ich – nicht einfach so drauflos phantasieren, sonst bringst du den ganzen geordneten Ablauf durcheinander. Konzentration, Koordination, Kontrolle waren also angesagt. Ich wage es einfach mal. Außerdem hatte ich tatsächlich auch Lust nach Tanz, Musik, nach Geselligkeit, nach Menschen, die wahrscheinlich dieses Mal nicht ausschließlich von sich und ihren tollen Leistungen erzählten, was mir schon sowieso und schon immer zum Halse raushing.

... Und jetzt komme ich da an. Welche Begeisterung all der vielen Leute, sich wieder zu sehen, alle „per Du", alle Jahrgänge. Natürlich regiert schwäbisch und badisch als „Amtssprache", ab und zu dringen auch andere Dialekte von Bayern, Preußen, Österreichern, Schweizern und Flamen durch; man versteht sich auf Anhieb, zumal sich alle zum Tanzen, Musizieren und Fröhlichsein einfanden.

Am „Schwarzen Brett" zeigt sich sofort, was hier für ein Wind weht. Gruppen, Übungsräume, Tanzleiter, Musikanten, Essenszeiten, Tanzfeste, Singen, Musikproben, etc. etc., alles exakt und eindeutig festgelegt – professionell! Und wann kann ich mal in Tübingen bummeln gehen, schoß es mir durch den Kopf! Wann, ja wann, hab ich eigentlich mal Freizeit?

Schnell, schon beim ersten gemeinsamen Mittagessen, komme ich mit den bis jetzt wildfremden Menschen ins Gespräch, mit der Dorothee, der Waltraud, dem Viktor, dem Manfred, der Susanne, der Ulrike, Margarete und wie sie alle heißen. Es gab keine Barriere, keinen Dünkel, keine Steifheit, keine Reserviertheit. Ich fühlte sofort, hier bist du in eine große Familie aufgenommen worden. Hier spricht man miteinander, akzeptiert sich gegenseitig und freut sich über jeden, der da ist. Seltsam. Und da kommt der eine oder andere irgendwo her, wo man sich kaum sieht und wenn, dann sich kaum etwas zu sagen hat. Allerdings, sagte ich zu mir, haben die dich ja noch nicht auf der Tanzfläche erlebt, bar jeder Kenntnis, der gerade einen 4/4 von einem 3/4-Takt unterscheiden kann, aber weiß Gott, vom Hoppelreih, der Changier-Quadrille, dem Buchelklobber, dem Siebensprung, der Hermsdorfer Dreikehr, dem Juppjack und den schier endlos vielen Fuß-, Arm- und Verbeugungsdetails keine Ahnung hat. Aber mein Gefühl war gut; das kriegen die tollen Tanzleiter und die vielen Routiniers, die schon 40 Jahre dabei sind, mit dir hin. Ich brauche halt - ausnahmsweise mal - eine starke Frauenhand, die mir schon rechtzeitig sagt, wohin, wie rum, welche Hand und welchen Fuß. Um es vorweg zu sagen, die gab es in Hülle und Fülle. Vielleicht war ich auch kein so komplizierter Fall, oder sie haben es mich nicht wissen lassen, sondern mir sogar Mut gemacht. „Das wird schon." Und außerdem, gab es da nicht doch noch den einen oder die andere, die auch nicht über Jahrzehnte Tanzerfahrung verfügten?

Bei der ersten "Tanzrunde" im Raum „Freiburg" mit dem herrlichen Blick auf den Neckar mit seinen angrenzenden Fachwerkhäusern merkte ich schon: Du hast die falschen Klamotten dabei! Das wird ja richtig warm, sogar heiß und schweißtreibend! Und du hast Flanellhemden und Wollsocken an! Schließlich kam ich von den Bergen, aus rauhem Klima, da braucht man das. Aber hier? – In der Familie waren für mich sogar noch ein paar kurzärmelige Sommerhemden und zum Tanzfest sogar ein handbesticktes weißes Trachtenhemd übrig. Auch das Problem gelöst.

Ich war geistig und körperlich total ausgelastet. Alles, was ich vom Tanzleiter und den mich führenden Frauen hörte und umsetzen mußte, erforderte höchste Konzentration. Ich wollte alles lernen, hatte aber Probleme – ich gebe es zu – mit dem Behalten. Das, was ich eben hörte und in die fast richtige Bewegung umsetzte, ging ja noch, aber wie war es mit der Tanzfolge zuvor und gar der noch weiteren zuvor? Hier kommt das interessante Phänomen zu Hilfe: allein hast du keine Chance, in der Gruppe, wenn nur ein paar wissen, wie‘s geht, dann können es die anderen auch. So geht‘s auch beim Singen im Chor. Solistisch bist du eine Null, im Verbund fühlst du dich wie ein Heldentenor. Schon der Fischschwanz lehrt uns das. Abgelenkt während der vielen Übungsstunden haben mich eigentlich nur die beneidenswert guten Akkordeonspieler – und der majestätische Flug der Schwäne über den Neckar!

Mit jedem Tag fühlte ich mich wohler. Es gab so viel Schönes und Erbauliches. Das Tanzen machte Fortschritte, die starke Hand der Frau konnte ab und zu schwächer werden oder ganz auf Führung verzichten. Hinzu kamen die vielen anderen Angebote (schließlich besteht das Leben nicht nur aus Tanzen!) wie das Singen mit Manfred, dem Urviech aus dem Allgäu, das Kerzengießen mit Veronika, der Schwerttanz, das Jonglieren, die Vorträge von Eva mit ihren tiefsinnigen Gedanken über die große Bedeutung des Tanzes im Verlauf der Menschheitsgeschichte, die brillanten Darbietungen zweier schwäbischer Liedermacher und Mundartdichter, Harald Immig und Claudia Pohl, die Einführung in die Welt der Dudelsäcke und Schalmeien von Andreas Rogge und nicht zuletzt die beiden Tanzfeste in Lustnau mit festlichem Gewand und feinem Essen.

Ein Höhepunkt nach dem anderen. Alles hängt mit Tanzen und Musizieren zusammen und findet, ich sage es nochmals, weil das mich so beeindruckt hat, in einer großen Familie statt, ohne Streit, ohne billige Animation, in rauchfreier Atmosphäre und – es kommt einem kaum über die Lippen – in Harmonie. Ich fühle mich zu Hause.

Doch einmal bin ich ausgerastet. Ich gebe es zu. Wolframs Orchester spielte auch mal etwas, was mich an meine uralte Tanzvergangenheit erinnerte, so einen richtig fetzigen, schnellen und schrägen – ich hab‘s als „Boggie" interpretiert. Es war mit Sicherheit keine Polka und kein Landler oder Walzer. Jedenfalls etwas, auf das ich schon immer für mein Leben gern tanzte. Es traf sich, gerade Ulrike „zur Hand" zu haben, und ich legte mit ihr, die sich mühelos diesmal meiner Führung anvertraute, mal wieder so richtig einen aufs Parkett. Das hat ihr und mir gutgetan. Es spielte sich wohlweislich mehr an der Peripherie der großen Tanzfläche ab. Ich weiß, man wird mir diesen Ausrutscher verzeihen.

Ein für mich besonderer Höhepunkt muß hier zum Schluß noch genannt werden, der tägliche Kehraus. Jetzt tanzen, spielen, werken und musizieren die den ganzen Tag von 9 bis 19 Uhr! Und dann treffen sich alle – ich natürlich auch – zum Mittanzen, Spielen und Musizieren, als hätten sie noch nicht genug, als könnten sie von dieser Droge nicht lassen. Da fliegen die Tanzbeine, da drehen sich Junge und Alte, als wären alle ganz jung. Es steigert sich alles, der Schwung, das Tempo, die Hitze, der Wasserdampf in der Luft (die Fensterscheiben triefen geradezu), die Freude und Fröhlichkeit, sogar die unermüdlichen Musikanten steigern sich, denn sie müssen ja begeistert sein von dem, was sie da auftrudeln. Und als sie anfangen aufzuhören ... macht nichts – man kann ja zum eigenen Gesang tanzen! – lassen sie sich doch nochmals hinreißen, aufzuspielen ... Und zum Schluß, Temperatur und Puls erhöht, geben sich alle im Kreis die Hände und singen „Nun Brüder, eine gute Nacht" oder das schöne „... über die Berge weit", immer noch im abgeklärten Wiegeschritt. Es muß sein, auch der Schluß! In mir kommen alte Erinnerungen an meine Pfadfinderzeit hoch, nur fehlt heute das Lagerfeuer. Das „Alte" ist doch nicht schlecht, hat nach wie vor hohe Attraktivität, wenn es so angeboten wird, wie ich es zum ersten Mal wieder erlebte. Das bekunden auch die vielen jungen Teilnehmer. Ich fasse wieder Mut, zu wissen, daß ich mich mit einem 20jährigen auch über Volkstanz, -musik und altes Brauchtum einig sein könnte.

Dank allen Organisatoren, Helfern und der großen Familie, nicht zuletzt auch dem Land Baden-Württemberg, das sich finanziell beteiligt hat.

Zeit zum Bummel in der Stadt? Mehr Freizeit? Wozu? Das kannst du wieder machen, wenn du allein bist, wenn du dann noch Lust hast und dich nicht gleich wieder auf das nächste „Event" freust.

O, würde doch die ganze Welt mehr singen und musizieren!

Walter Schneider


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