Zurück zur Rundbriefseite

Der Hatscho

Tanz und Brauchtum der Iglauer Sprachinsel

Referat von Herbert Kremser aus Buchen/Odenwald

bei der Volkstanzfachtagung am 21. November 1999 in Leonberg

Ein Referat über diesen Tanz zu halten, hat Reinhold mir schon vor einigen Jahren auf den Weg gegeben.

Habe Fakten und Berichte für heute über den Hatscho zusammengetragen und werde Euch diese in komprimierter Form weitergeben.

Manche von Euch hier Anwesenden werden sich fragen, wie ich dazu komme, über den Hatscho einen Vortrag zu halten.

Hierzu einige Sätze:

Geboren bin ich in der Iglauer Sprachinsel.

Meine ersten Tanzschritte erlernte ich beim Iglauer Singkreis Süd 1956-57.

War bis 1970 aktives Mitglied im Iglauer Singkreis.

Bin heute noch bei dem „Oldi-Treffen" des Iglauer Singkreises vertreten.

Ferner ist unsere Familie aktiv in der „Gemeinschaft Iglauer Sprachinsel e.V." tätig.

Mein Vater hat als junger Mann den Hatscho bei Bauern-Hochzeiten selbst mitgetanzt. Er lebt heute noch und hat mein Wissen über den Hatscho ergänzt.

Nun aber zum „Hatscho" selbst

Er kommt aus der Iglauer Sprachinsel

Er (war) ist ein Hochzeitstanz und wurde nur in der Sprachinsel getanzt.

Wo liegt denn die Iglauer Sprachinsel?

Die Iglauer Sprachinsel liegt zwischen Prag und Brünn, ungefähr in der Mitte, am Böhmisch-Mährischen Höhenzug. 79 ehemals deutsche Ortschaften zusammen mit der Stadt Iglau bildeten die Iglauer Sprachinsel.

Bei den Bauerhochzeiten war der Höhepunkt des Tanzes der bodenständige Volkstanz, der „Hatscho". Sein Name kommt von dem Rufen der Tanzenden beim letzten Teil des Tanzes her: „Hatscho".

Was bedeutet dieses Wort?

Man kann es deuten: hatsch-o, hatsch-ab, fahr-ab oder schnell auf und davon. Es ist eine Aufforderung, die Tanzfläche frei zu machen. Eigentlich ist der Hatscho kein Tanz im Sinne unserer Volkstänze. Er besteht aus einer Aneinanderreihung aller Tänze, die in den Dörfern üblich waren. Das Tempo steigert sich von Stufe zu Stufe gleich von Tanz zu Tanz.

Den Tänzern voraus tanzt der Vortänzer bei den Hochzeiten, der „Druschmo" (Hochzeitslader), der den Wechsel der Figuren durch Aufstampfen ankündigt. Der Vortänzer wurde von den Bauern auch „Aufhauer" oder „Voraus" genannt.

Die Figuren und die Musikstücke waren keineswegs in allen Dörfern einheitlich. Die Melodienfolge wurde von jeder Musikkapelle verschieden zusammengestellt. So gab es für die „Alten" und für die „Jungen" verschiedene Melodienfolgen.

Der ganze Tanz bestand aus mehreren Teilen, die aber keineswegs in einer starren Ordnung aufeinander folgen mußten. Das Gesetzt des Handelns wurde vom Vortänzer bestimmt. Wollte er zu einer anderen Bewegung (Figur) oder zu einem Wechsel des Rhythmus überleiten, so stampfte er mit dem Fuß kräftig auf den Boden und gab damit den Musikanten das Zeichen zum Umsteigen zur nächsten Melodie. Oft wurde der Tanzablauf durch „Tuschen" oder das „Rädl" unterbrochen oder beendet. Nach Erzählungen meines Vaters konnte der Hatscho bis zu 3 Stunden dauern, bis er beendet wurde.

Die Einleitung des Hatscho bildete immer der „Bäuerische", ein Tanz im Dreivierteltakt, der mit seinem langsamen Rhythmus und seinen Wiege- und Drehschritten so recht dem behäbigen, bedächtigen Wesen der Bewohner entsprach. Dabei wurden verschiedene Lieder der Iglauer Sprachinsel gesungen, wie „Der Bauernstand. Es gibt nur eine, die mir gefallen" und andere. Dieser Teil des Tanzes galt als der vornehmste. Der Vortänzer begann mit einer Figur, die er durch Stampfen ankündigte. Diese Figur wurde nach und nach von allen nachfolgenden Paaren übernommen.

Den zweiten Teil bildete gewöhnlich der „Deutsche", ein Ländler, auf den Ländlerfiguren getanzt wurden, die wieder vom Vortänzer angekündigt wurden.

Das Tempo im dritten Teil des Tanzes steigerte sich zum „Hupperischen", einer Polka mit Durchdrehen bei zweihändiger Fassung. Dieses Durchdrehen wird nicht dauernd getanzt. Es wird 2 bis 3mal durchgedreht, dann wird wieder geradeaus weitergetanzt. Passende Lieder wurden zu allen Teilen des Tanzes von den Tanzenden mitgesungen. Diese Lieder waren von Dorf zu Dorf unterschiedlich. Dieser Teil des Tanzes ist der schönste für die Zuschauer, wenn die Röcke und die bunten Kopftücher fliegen.

Plötzlich ruft der Vortänzer „Hatscho" und alle tanzen nun mit seitlichen Galoppschritten gejuchazt und „Hatscho" rufend durch den Raum. Nicht selten geht es nun durch alle Räume, hinaus ins Freie oder durch den Stall. Der Spieler der Bassgeige „Ploschperment" streicht seine Saiten nicht mehr, er schlägt auf diese.

Haben sich die Tänzer genug ausgetobt, wird der Tanz mit dem „Rädl" beendet. Beim „Rädl" singen abwechselnd die Burschen und die Mädchen Stanzel und necken sich dabei. So wurde der Hatscho in den Dörfern der Iglauer Sprachinsel getanzt.

Nach und nach wurde der Hatscho auch bei den Städtern in Iglau getanzt, bei den verschiedensten Anlässen wie Turnerball, Bauernball, usw. Nun mußte der Tanz bühnengerecht zusammengestellt werden. Nach den Aussagen meines Vaters gab es die verschiedensten Ansichten – den Tanz auf die Bühne zu bringen – oder nicht.

Melodienteile wurden zusammengestellt, um dem Tanz einen festen Ablauf zu geben. Es kam ein Tanz heraus, der im ungefähren Ablauf dem entspricht, den der Iglauer Singkreis Süd tanzt.

 

Zur Musik noch einige Anmerkungen:

Die Bauernmusik der Iglauer Sprachinsel hat besondere Eigenheiten. Sie besteht aus vier Musikanten. Zwei davon spielen die viersaitige „Klarfiedel", einer die dreisaitige „Grobfiedel", der vierte das „Ploschperment", den Baß. Das Ploschperment wurde in waagrechter Lage auf den Oberschenkeln gespielt ober beim Gehen mit einem Riemen am Körper getragen.

Die Fiedeln wurden von den Musikanten selbst hergestellt. Sie sind Vorläufer der heutigen Geigen. Für unsere verwöhnten Ohren von heute ist eine Fiedelmusik nicht unbedingt schön anzuhören, aber auf den Rhytmus kommt es an.

Der Hatscho heute

Nach der Vertreibung 1945 wurde der Hatscho von den Iglauer Singkreisen gepflegt und weiter entwickelt, fast zur perfekten Bühnendarstellung.

In vier Iglauer Kreisen wird der Tanz heute noch getanzt und gepflegt:

Iglauer Singkreis Süd

Iglauer Singkreis Nord

Ilauer Trachtengruppe Groß-Umstadt

Iglauer Trachtengruppe Kaufbeuren/Marktoberdorf

Bei den Vorführungen der Iglauer Gruppen ist die farbenfrohe Iglauer Tracht unabdingbar. Ohne die Iglauer Tracht ist der Hatscho nur ein Abklatsch. Meiner Meinung nach sollte der Tanz von den Gruppen weiter gepflegt werden.

Zum Schluß noch eine Anmerkung:

Der Hatscho wird inzwischen auch in anderen Volkstanzgruppen gelehrt, meist in der Form des Iglauer Singkreises. Dort bei den Gruppen ist der Hatscho dann wohl einer von vielen anderen Volkstänzen. Man wird vielleicht nicht sehr viel davon spüren, was dieser Tanz ursprünglich für die Iglauer beinhaltete und was er für eine Bedeutung für sie hatte.

Man könnte noch einiges über den Hatscho berichten.

Herbert Kremser

 

Anschließend an das Referat wurden den Tagungsteilnehmern auf Großleinwand die Videos „Hatscho" und „s´Radl" (ebenfalls aus Iglau) vom Institut für den Wissenschaftlichen Film in Göttingen gezeigt.


© @g 2000