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Der Maibaum (Teil 4)

Entwurf, Her- und Aufstellung

 

Schau ich in Tageszeitungen um den 1. Mai herum, denke ich, „etwas Neues" habe ich mit diesem Aufsatzteil nicht anzubieten. Vereine schreiben Maibaumwettbewerbe aus, die Regionalpresse sucht den schönsten Maibaum im Umkreis usw.

Das Resultat ist umwerfend. Der Begriff umwerfend ist hier in mehrerer Hinsicht zu fassen:

  1. Es machen Vereine, Gruppen und Ortschaften in einem Maße mit, wie es bei uns seit bald 60 Jahren nicht mehr möglich schien. Z. B. bewarben sich im Jahr 2000 ca. 50 Aufstellergruppen im Umfeld von Schwäbisch Gmünd mit ihren Maibäumen nach einer Ausschreibung der örtlichen Presse um den schönsten.
  2. Die Gestaltung der Maibäume kennt fast keine Grenzen. Die Varianten vielseitiger Gestaltung zeugen von Ehrgeiz der Beteiligten – oft mit zuviel Beiwerk –, um als Sieger des Wettbewerbs hervorzugehen. Davon weiter hinten mehr.
  3. Umwerfend kann man aber auch wörtlich verstehen. Konstruktive Fehlleistungen bei der Herstellung und der Aufstellung des Maibaumes können diesen umhauen. Da gibt es Beispiele der abgeknickten Spitze, weggewehter Symbole, schief hängender Kränze mit verknoteten Bändern usw.. Es kommt vor, daß eine Straße während der Aufstellungszeit gesperrt werden muß.

Schlimm wird die Sache dann, wenn - wie mir von einem Bürgermeister berichtet wurde -, eine Bundesstraße dreimal gesperrt werden muß, damit ein schöner neuer Maibaum, der immer wieder zu Boden ging, aufgestellt werden kann.

Selbst miterlebt habe ich Fehlleistungen bei der Aufstellung eines Narrenbaumes. Zuerst wurde mit falsch konstruierten und viel zu schweren Schwalben – Erklärung weiter hinten – versucht, diesen aufzustellen. Das Publikum wartete. Nachdem die Nutzlosigkeit dieses Unternehmens in dieser Form bei den Beteiligten erkannt war – das Publikum wartete weiter – startete ein 2. Versuch, diesmal mit einem scheinbar von weit her geholten Frontlader. Durch fehlerhafte Befestigung an der Frontladerschaufel und ein schlecht vorbereitetes Standloch wankte und schwankte die schön geschälte Fichte mit bunt geschmücktem Wipfel langsam und unsicher Richtung Himmel. Unkoordinierte Halteseile taten ein übriges und die ganze Sache erinnerte an ein in Seenot befindliches Segelschiff. (Anmerkung: Das immer noch wartende Publikum wurde nicht seekrank, zog sich jedoch immer weiter vom Ort des Geschehens zurück.) Mit zusammengesuchten Holzkeilen wurde schlußendlich dieses Fasnetssymbol mit unmenschlicher Kraft der Macher in die Senkrechte gebracht. Das ausharrende Publikum kehrte zurück, zollte Beifall – irgendwer soll dreckig gelacht haben.

Damit in Zukunft dieses niemandem passiert, wird Teil 4 unseres Maibaumaufsatzes geschrieben.

„Umwerfend" ist in meinen Augen die Idee, die Maibäume anderer abzusägen. Leider durchleben wir Männer einen Zeitraum der Pubertät, der teilweise von unverantwortlichem Tun, oft mit negativen Folgen, begleitet wird. Ähnliche Randerscheinungen haben wir bei Fußballspielen, privaten Autorennen und und und.

Sprechen wir über Technik und Gestaltung von Maibäumen. Beginnen wir mit den gestalterischen Elementen, der Größe und dem Aufstellungsort. Mit einzuschließen ist die Dauer der Aufstellung, es ist ein großer Unterschied, ob ein Maibaum nur einen Monat steht oder ob er 5 Jahre überdauern soll. Die Materialqualität muß den entsprechenden Vorgaben gerecht werden.

 

Der Aufstellungsort:

Nicht immer ist der größte Baum auch der richtige, er muß transportiert werden, ohne daß wegen irgendeiner Hausecke oder sonstigen Hindernissen eine Kürzung per Säge vorgenommen werden muß. Hecken, Freileitungen, beschrankte und unbeschrankte Bahnübergänge, starker Verkehr u. ä. können zu Hindernissen werden. Unbedingt Polizei einschalten!!!

Wissen wir um die Möglichkeiten des Baumtransportes, ist mit dem Revierförster oder privaten Waldbesitzern über unsere Wünsche zu sprechen. Wir haben zu wählen zwischen Birke und Fichte – nicht nur in Norddeutschland werden Birken verwendet, sondern auch teilweise in Süddeutschland – und wir müssen uns über die Transportmöglichkeiten klar werden. Die Feuerwehr, Landwirte, Bauunternehmer sind anzusprechen, um mit entsprechendem Gerät und fachkundigem Wissen einzusteigen. Handelt es sich um einen kleineren Maibaum (bis max. 20 m Länge), kann der Transport auch ohne größere Einrichtung von jugendlicher Gruppe bewältigt werden.

Das Vorrichten des Baumes, wie z .B. das Ästewegschneiden, Entrinden u. ä. sollte bereits im Wald erledigt werden. Hat man einen Zwischenlagerplatz, wird hier die weitere Vorbereitungsarbeit geleistet. Anreißen, bohren, Beschlagteile anbringen sind Arbeiten, die nicht unbedingt zum Fest des eigentlichen Aufstellens gehören, sie sind arbeits- und zeitaufwendig und machen manchmal Korrekturen notwendig.

Bei der Gestaltung des Maibaumes ist zu berücksichtigen, ob dieser von einer Seite oder mehreren sichtbar ist. Es sieht nicht gerade schön aus, wenn ungestaltete Rückseiten der verschiedenen Handwerkswappen und sonstiger Ortsbilder den Beschauer von oben her anschauen.

Ein guter Ausweg sind Wappen mit beidseitiger Bemalung bzw. Doppelwappen. Gewünscht ist auch Gleichwertigkeit in der Anbringung, insbesondere dann, wenn eine Seite der Beschilderung in den „Blickschatten" geraten kann. Im technischen Teil dieses Aufsatzes werden verschiedene Aufstellungshilfen gezeigt. Mitbestimmend bei der Standortfrage ist z. B. auch, 1. ob diese Einrichtungen mitsamt dem Maibaum nicht im Weg stehen (Verkehr/Parkplätze) und 2. ob diese Grundinstallation auch für anderweitige Einrichtungen außerhalb der Maibaumzeit zu nutzen sind, wie z. B. Blumendekorationen, Plakatständer o. ä..

Immer gut ist ein Platz vor größeren Gebäuden. Man hat hier die Möglichkeit, über weiter oben liegende Fenster eine Zughilfe per Seil vorzunehmen. Genauso verhält es sich mit seitlichen Seilsicherungen links und rechts des aufzurichtenden Maibaumes.

 

 

 

Wird ein richtiges Fest – nicht unbedingt mit kommerziellem Anstrich – aus der Aufrichtung des Maibaumes gemacht, ist an die Sicherheit des Publikums zu denken, Verkehr evtl. umzuleiten, außerhalb der Geschäftszeiten zu feiern und vor allen Dingen ein passendes kleines Kulturprogramm mit Musik, Singen und Richtspruch einzubringen.

Soll ein dauerhafter Brauch aus dem Fest werden, ist es bestimmt gut, Jahrgänge in die Vorarbeiten usw. einzubeziehen. Der Anfang könnte bereits mit Kindern unter der Anleitung ihrer Erzieherin oder Lehrer angekurbelt werden. Eine auftretende Tanzgruppe im Ort könnte, wie manches andere auch, eine weitere Bereicherung des Festes sein. Stiftet der Bürgermeister oder das Kulturamt den Akteuren ein Vesper oder sogar einen Obulus für die Gruppenkasse, wird dies bestimmt dankend angenommen. Unterschiedlich sind die Bräuche zum Abbau des Maibaumes. Mancherorts kommt die Feuerwehr und er wird sang- und klanglos entfernt bzw. eingemottet. Anderswo wird auch hieraus ein Fest (Abtanz) gemacht.

Sind alle Bedingungen und Möglichkeiten abgesprochen, kann man darangehen, den Maibaum selbst zu gestalten. Zu überprüfen ist, welche finanziellen Mittel gebraucht werden und inwieweit örtliches Handwerk, Geschäftsleute usw. ihre Bereitschaft, finanziell mitzumachen, einbringen können. Lohn sind dann am Maibaum sichtbare Gewerkezeichen.

Selbstverständlich kann ein Maibaum auch ein reines Zeichen des Frühlings, der Fruchtbarkeit und der Fröhlichkeit sein. Viele, sehr schöne Maibäume kommen ohne die durchaus zurecht beliebten Handwerkszeichen beim Publikum an. Das Ursprüngliche hat immer noch vollste Berechtigung. Maibäume können äußerlich sehr unterschiedlich gestaltet sein. Die diesen Aufsatzteil begleitenden Entwürfe wollen nicht weiter kommentiert werden, sie sind Anregung, benutzt sie, verändert sie. Verwiesen wird auf die Entwürfe im Rundbrief 85/
April 2000.

Achtung!! Es gibt Maibäume, deren Embleme man nur mit dem Fernglas erkennt. Wenn Wappen, Figuren usw. eingebracht werden, macht euch Muster der gedachten Größe und überprüft, ob diese so in Ordnung sind; ebenso Farbentwürfe, gegen den Himmel sieht manches anders aus.

Bearbeitung Holz / der Baum:

Birken sollten nur im unteren Bereich entastet werden. Fichten – ausgenommen die Wipfel – werden nach dem Fällen, dies unter Mithilfe von Fachleuten, entastet und geschält. Bleibt der Maibaum 4 Wochen stehen, keine Farbe verwenden, sie blättert ab. Das frische, sauber geputzte Holz sieht sehr schön aus. Evtl. Rindenteile als Muster stehen lassen. Ausprobieren, ob Rinde leicht abgeht, unter Umständen mit kleinen Stiften sichern.

Mehrjährig benutzte Bäume gut abtrocknen lassen, gründlich reinigen, anschleifen, dann streichen. Bei diesen finden wir auch meistens keine gewachsenen Wipfel, sondern jährlich ausgetauschte, angelaschte. Besser werden hier als Toppschmuck Wetterfahnen, Hähne usw. verwendet. Hähne sind Fruchtbarkeitssymbol!

Symbolträger, Wappen u. ä. aus Holz:

Sie können naturbelassen, gebeizt, bemalt, vergoldet und in anderen Techniken oberflächenbehandelt werden. Hier sind unbedingt Fachleute gefragt, die zumindest beraten. Viel Fleiß steckt in diesen Bauteilen und es wäre schade, wenn unsachgemäße Behandlung die Arbeit abwertet.

 

 

Bearbeitung Metallteile:

Stahl (auch Schrauben) mindestens in verzinkter Ausführung (Verzinken nach der Bearbeitung). Bei Anstricharbeiten wieder Fachleute fragen, die Haftung von Farbe auf Zink ist ein Problem!

Aluminium ist korrosionsfest, aber statisch schwierig, Beschichtung wie vor! Es darf keinesfalls mit MS bzw. CU verarbeitet werden, am besten sind Edelstahl-Verbindungsmittel.

Wind- und Aushebsicherungen möglichst unsichtbar anbringen. Und überhaupt, der Wind: schon in 8 bis 20 m Höhe haben wir statische Verhältnisse, die beachtet werden müssen. Mit 5-mm-Schräubchen, Winkelchen usw. beschwören wir Lebensgefahr herauf, also zum 3. Mal: zum Fachmann.

Girlanden:

Symbol für Schlange? Verführung? Frau rankt sich um Mann, früher „Efeu rankt sich um Eiche"!

Das Binden der Girlanden erfolgt am besten auf einem vorgefertigten, relativ dünnen Weidenrutenkörper (mit Bindedraht hergestellt). Als Grünmaterial kommt Tannenreis bzw. Buchs in Frage.

Kränze:

Als einzelner in der Funktion als Schmuck, aber auch als Symbol für Sonnenlauf. Hier ist es wichtig, 4 Aufhängungen zur Verdeutlichung des Sonnenrades – oder der Jahreszeiten – mit dünnen Girlanden oder bunten Bänder zu umwickeln.

Drei verschieden große Kränze als Symbol für Frau (Jungfrau/mit Mann geschlafen/ Kind geboren).

Als Material ist, wie bei den Girlanden, Tannenreis bzw. Buchs empfehlenswert, wer Fichte verarbeitet, sollte Arbeitshandschuhe anziehen. Fichte hat zudem den Nachteil, recht schnell zu nadeln, abzufallen.

Ortszeichen, Gebäudenachbildungen, Handwerkswappen, Sprüche, Jahreszahlen usw.:

Um Diskussionen aus dem Wege zu gehen, bitte bei ortsansässigen Betrieben, Vereinen, der Kirche und dem Rathaus Vorlagen erbitten. Wie weiter vorne erwähnt, Wappen, Sprüche usw. groß genug darstellen, es soll von unten lesbar sein.

Mit den Anfragen bei evtl. Mäzenen, wie vor aufgeführt, fühlen diese sich angesprochen und sind evtl. auch zum Mitmachen (finanziell und in Arbeitseinsätzen) bereit. Das gleiche gilt für Kindergärten und Schulen. Aus solchen Erlebnissen und dem „Dabeisein" entwickeln sich Traditionen, die von diesen weitergeführt werden.

Der Baumfuß:

Den Baum in ein ausreichend tiefes Loch in einer Wiese stellen ist Möglichkeit Nr. 1. Auf einer Rundfahrt in Bayern – diese haben durchgängige Erfahrungen – konnten wir tolle Konstruktionen bewundern, die als Zeichnung zur Nachahmung wiedergegeben sind. In der Einleitung zu diesem Aufsatzteil ist auf die Möglichkeit anderer Nutzung hingewiesen.

Entscheidend für die Materialdimensionen und sonstige Maße ist die Höhe und die Dicke des Baumes. Halterungen aus 2 x U 400, 2,00 m hoch und tief einbetoniert, waren für ca. 40 m hohe Maibäume, die dann aber auch 5 Jahre stehen, keine Seltenheit. Sonstiges siehe Zeichnungen.

Vorrichtungen und Anbringen der Schmuckteile:

... oder eins nach dem andern. Die Aufstellung des Maibaumes macht Überlegungen notwendig. Was sollte vorab erledigt werden und was wird danach montiert?

Kein Maibaum wird mit vollem Schmuck erstellt, es sei denn, es wird ein größerer Kran für diese Arbeit benutzt. Der Leiter einer Landjugendgruppe soll, so wird berichtet, weinend neben der Kranaufrichtung dabeigestanden sein und gedacht haben: wie schön wäre es, wenn eine Gruppe Männer dies von Hand gemacht hätte. Der Autor schließt sich zwar dem Leiter jener Gruppe an – der Mensch, die Gruppe ist für ihn wichtig –, hat allerdings auch für das Sicherheitsbedürfnis Verständnis.

Beim Aufstellen „von Hand" sind Schmuckteile usw. im Weg. Dies und das erhebliche Mehrgewicht sprechen gegen ein Aufstellen des Maibaumes im vollen Schmuck. Allerdings sollten sauber ausgerichtete Kränze für höhere Bereiche montiert sein. Ebenso sind Vormontagen für Wappenkonsolen usw. vorzunehmen.

Beim Aufstellen mit Schwalben können schon herausstehende Schrauben stören, muß man doch immer wieder nachsetzen. Setzt man wechselweise um, stören Gewindestangen (auch als 1. Steighilfe bzw. Leitersicherung) nicht. Weiterhin ist an Seilsicherungen, die wieder entfernt werden müssen, zu denken, auch hier treten Schwierigkeiten auf. Wird mit Fahnen geschmückt, müssen diese auf- und abgefahren werden, noch mehr Denkarbeit!

Das Aufstellen

Entscheiden wir uns für Aufstellung mit Menschenkraft, kommen die dargestellten Schwalben aus Fichtenstangen zur Anwendung. Nach Baumhöhe in entspr. unterschiedlichen Maßen und Mengen (2 bis 6 Paare). 2 Stangen werden, wie dargestellt, mit Stricken verbunden, so daß der Maibaum bei Spreizung eingeklemmt ist, s. Übersichtszeichnung mit eingeblendetem Foto. Bei Großbäumen kann es so weit kommen, daß Schwalben für die Schwalben zur Anwendung kommen, s. Skizze.

NICHTS FÜR ANFÄNGER!!

Im nächsten und letzen Teil dieses Aufsatzes wird noch einmal einiges aus alter Literatur zitiert, vielleicht doch noch aus anderen Ländern berichtet und kommentiert.

Zum nicht mehr weit entfernten Weihnachtsfest sowie Jahreswechsel meine besten Wünsche und den Tip: mit dem ausgedienten Weihnachtsbaum Maibaum-Richten und -Aufstellen üben.

Euer

Günter Kretzschmar


© @g 2001