Murrhardt im Jahreswechsel 2000/2001 Wintersingwoche vom 28. Dezember 2000 bis 5. Januar 2001
Das letzte Jahr begann für mich an der Tanne im Wald oberhalb der Jugendherberge von Murrhardt, und so sollte es auch dieses Jahr sein. Die Wintersingwoche wurde wieder von einigen Höhepunkten durchzogen, die eine solche Woche jedesmal so einmalig und unverwechselbar machen.
Dem morgendlichen Singen ging die bewährte Stimmbildung mit Ute Stauber voraus, die unsere oftmals noch sehr verschlafenen Stimmen weckte. Wir sangen im Chor aus der „Missa brevis in C" (W. A. Mozart KV 258) das Kyrie und das Sanctus. Ausschnitte aus der „Carmina Burana" (Carl Orff) und andere in einer schönen Mappe zusammengefaßte Lieder erarbeiteten Herbert Preisenhammer und Ute Stauber mit uns. Die Intrade des Stuttgarter Advents-Singens 2000 „Niemals war die Nacht so klar" blühte beim gemeinsamen Musizieren und Singen am Dienstag Nachmittag noch einmal so richtig auf.
Ute sang mit den Jugendlichen (U30) Spirituals, die gegen Ende des Bunten Abends für den richtigen Schwung sorgten. Sie war es auch, die einen Grundkurs Tanz anbot, bei dem Grundschritte und einfache Tänze geübt wurden.
Neben dem Singen und Tanzen wurde das Musizieren angeboten, das im Anschluß an die Mittagspause stattfand. Ich probte auch diesmal wieder mit der Stubenmusik. Wir spielten uns mit einer ausgewogenen Besetzung (zwei Zithern, zwei Gitarren, Geige und Harmonika) im Laufe der Woche recht gut zusammen und beim Abschlußmusizieren konnte uns Irmtraud Greipel noch mit dem Hackbrett unterstützen. Die Vielfalt des Erarbeiteten in den Musiziergruppen ebenso wie beim Singen, Tanzen und beim Kinderprogramm wurde sowohl beim Bunten Abend als auch beim Abschlußmusizieren und Tanzfest deutlich. Die während der Woche entstandenen Handarbeiten konnten wir im Rahmen einer kleinen Ausstellung bewundern.
Einen besonderen Höhepunkt bildet alljährlich der Gang zur Tanne am Silvesterabend. Fern ab von Böllerlärm und Raketenhagel ein neues Jahr zu beginnen empfand ich auch bei meiner zweiten Wintersingwoche wieder als sehr feierlich und stimmungsvoll. Der sternklare Silvesterabendhimmel erinnerte mich an die 1. Strophe der Intrade 2000: „Niemals war die Nacht so klar, niemals war für alle Menschen eine Zeit so wunderbar."
Das Haus mit all seinen Räumlichkeiten, das gute Essen und die zuverlässigen Herbergseltern waren wesentliche Voraussetzungen für eine erfolgreiche Woche. Ich denke, sowohl Referenten als auch alle Teilnehmer haben sich gut ergänzt, und für eine Woche wuchsen wir zu einer festen Gemeinschaft zusammen. Vom Morgenkreis über Gute-Nacht-Geschichte (dieses Jahr von Eva Schmachtl vorgelesen) bis hin zum Kehraus waren die Tage lang, vielfältig und boten reichlich Gelegenheit, um sich gegenseitig auszutauschen, miteinander zu musizieren, zu tanzen und zu singen.
Auch wenn wir am Freitag nach dem Schlußkreis auseinandergingen, so klingt zu Hause noch lange die eine oder andere Melodie nach, die an eine schöne Zeit in Murrhardt erinnert.
Florian Bürgel
Gedanken zur Singwoche
Wieder ist eine Wintersingwoche vorbei. Wir schreiben das Jahr 2001.
Rückblick auf 1923 zur ersten Singwoche überhaupt:
Wahrscheinlich gibt es unter den heutigen Teilnehmern keinen mehr, der bei dieser ersten Singwoche dabei war. (Anm.: Thekla Preisenhammer, geb. Beyer, wohnhaft in Winnenden, ist mit 96 Jahren wohl die letzte lebende Teilnehmerin von Finkenstein 1923.) Also können wir uns heute nur noch auf geschriebene Berichte und Erzählungen stützen. Allerdings gibt es noch Teilnehmer, die Walther Hensel (1887 – 1956) persönlich gekannt haben. Ebenso kannten einige noch Olga Hensel (1884 – 1977), Walthers erste Frau, die mit ihm die erste Singwoche veranstaltete.
Wintersingwoche 2000/2001 in der Tradition von 1923? Wenn man das Büchlein „Die Finkensteiner Singwoche", Bärenreiter Verlag 1924, Hrsg. Dr. Hans Klein, liest, findet man noch viele Parallelen. Die 80 Teilnehmer waren vorwiegend junge Männer und Frauen verschiedener Berufszugehörigkeit, aber keine Kinder.
Der Finkensteiner Arbeitstag begann um 05:30 Uhr mit dem Weckruf, dem das Turnen und Waschen – natürlich mit kaltem Wasser – folgte. Die Morgenandacht, unser Morgenkreis, schloß sich an, natürlich im Freien und vor dem Frühstück. So halten wir es ja bei der Sommersingwoche. Doch die Wintersingwoche findet nicht im Sommer statt. Morgenturnen, kaltes Wasser und Morgenkreis vor dem Frühstück paßten sich der Zeit und den Umständen an.
Um 08:00 Uhr begann das Morgensingen. Olga Hensel hatte eine Stunde Zeit, die Grundlagen der Stimmbildung zu vermitteln und Stimmübungen anzuleiten. Die Werke, die Hensel mit seinen Sängern erarbeitete, waren anspruchsvoll. Olga Hensel hatte am Nachmittag noch einmal eine ganze Stunde Zeit für Stimmbildung. 2000/2001 hatte die Stimmbildung einen wichtigen Platz im Tagesprogramm eingenommen. Natürlich nicht zweimal eine Stunde, aber immerhin begann der Chormorgen mit intensiver Stimmbildung für alle. Sinngemäßes Zitat von Werner Wenzel: „Seit ich Utes Stimmübungen mitmache, habe ich weniger Stimmprobleme beim Ansagen von Tänzen."
Olga Hensel hat zwei Büchlein zum Thema geschrieben. Zum einen: „Die geistigen Grundlagen des Gesanges", Stuttgart 1952, und „Vom Erleben des Gesanges", Kassel 1926. Zur Singwoche gehörte immer Stimmbildung dazu, früher wie auch heute.
1923 beschäftigten sich die Teilnehmer mit Harmonielehre und Tonsatz. Dies wird schon lange nicht mehr praktiziert. Das Chorsingen hatte einen großen Stellenwert, obwohl es nur zwei bis maximal vier Stunden pro Tag angesetzt war. 2000/2001 stand Singen (einschließlich Stimmbildung) von 09:00 bis 12:00 Uhr und entweder nochmals von 16:30 bis 18:00 Uhr oder von 20:00 bis 21:30 Uhr auf dem Programm, zusätzlich zum Gute-Nacht-Singen. Damals wie heute stand anspruchsvolle Chormusik auf dem Programm. 1923 sang man Bach-Choräle, z. B. „Wie schön leucht‘ uns der Morgenstern", Chorsätze alter Meister, z. B. „Innsbruck, ich muß dich lassen", Henselbearbeitungen und –neuschöpfungen, aber natürlich auch viele Volkslieder.
Zitat aus „Die Finkensteiner Singwoche", S. 29: „Mit populären Konzerten ist nichts geleistet, denn mit der modernen Konzertmusik kann unser Volk nichts anfangen." Was heißt das? Nur alte Musik des 16. und 17. Jahrhunderts bzw. noch früher ist auf den Singwochen zu singen? Im selben Heft steht auf S. 29 weiter: „Der Volksgesang muß sich von der Unterhaltungsmusik lossagen!" Dies war immer eine Forderung von Walther Hensel und seinen Anhängern.
Über die damaligen Gründe, Ziele usw. will ich mich nicht auslassen; aus Platzgründen, nicht aus Unwissenheit. Außerdem ist dieses Kapitel Geschichte schon geschrieben. Aber übertragen wir diese Zitate auf unsere heutige Zeit mit ihren geänderten Lebensumständen. Die Jugend hat heute ihren soziologischen Platz in der Gesellschaft. Werden wir nicht einseitig und engstirnig, wenn wir nur alte Choräle und Volkslieder im 21. Jahrhundert singen? Müssen wir nicht danach trachten, die Singwochen weiter zu erhalten? Was tun wir, wenn von den alten „Jugendbewegten" keiner mehr lebt? Hört dann die Singwoche auf?
Nein, wir müssen einen Weg finden, die Singwochen auch die nächsten Jahre/Jahrzehnte leben zu lassen. Dies geht aber nur, wenn wir uns nicht im Denken der Jugendbewegung verbarrikadieren, sondern offen in die Zukunft blicken.
1923 trug die Jugend die Singbewegung. 2000/2001 trägt das Alter die Singbewegung, denn für die Jugend wird noch nicht genug getan. Die heutige Jugend wird die Singwoche morgen tragen, deshalb müssen wir auch im Programm Angebote für die Jugend und ihr spezielles Können machen. D. h. ein Programm mit Chorliteratur, die auch die Jugend anspricht, die die gesamte Breite der klassischen Musik (auch anspruchsvollere Werke) und der Volkslieder beinhaltet; ein Programm mit musikalischen Erprobungsmöglichkeiten für Menschen mit unterschiedlichem Können, unterschiedlichen Alters.
Wenn wir Jahr und Tag nur dieselben Volkslieder singen, z. T. auch noch falsch, weil wir das seit 30 Jahren so singen, werden wir keine neuen Teilnehmer finden, Teilnehmer, die motiviert mitarbeiten, die die Oase dieser Woche genießen. Sie gehen danach hinaus in ihr tägliches Leben mit Popmusik, Techno und Rap und stehen dort ihren „Mann". Sie kehren aber gerne wieder in die Singgemeinschaft zurück, weil sie dort finden, was sie suchen: nicht Engstirnigkeit, sondern Vielfalt in Begegnung und Musik.
Abschließend noch ein Zitat aus demselben Büchlein über die erste Singwoche, S. 66:
Die „Schönhengster Zeitung" schrieb am 4. August 1923 über die öffentliche Veranstaltung der Finkensteiner Singwoche:
Was wir am 17. des vergangenen Monats von den Teilnehmern der Finkensteiner Singwoche zu hören bekamen, scheint uns so bedeutsam zu sein, daß es auf jeden Fall seinen Nachhall in der Presse finden muß. Es sei offen zugestanden, daß uns Alten die gegenwärtige Jugend oft schwer verständlich ist, daß uns die Angriffe auf Altgewohntes und Vertrautes oft schmerzlich berühren, aber wir freuen uns des neuen Lebens, das sich erst neue Formen schafft, und wir staunen über die Blüten, die dem gärenden Boden dieser Jugend entwachsen.
Ute Stauber