Zurück zur Rundbriefseite

Passionsspiele in Masevaux, Elsaß

 

Ein regnerischer Sonntag, trübe und ungemütlich. Dies war einer Gruppe Offenburger wert, schon früh an diesem Märzmorgen ins Elsaß zu fahren, wo ein besonderes Erlebnis wartete.

„Tausende von Menschen pilgern jedes Jahr während der Fastenzeit nach Masevaux im Oberelsaß", steht im Programmheft des „Jeu de la Passion de Masevaux". Aus ganz Frankreich, aus Luxemburg, aus der Schweiz und natürlich aus Deutschland stehen Busse und Pkws vor dem Gemeindehaus in Masevaux. Ein kleines Städtchen, direkt unter dem Grand Ballon im südlichen Elsaß gelegen, spielt in jedem Jahr an den fünf Fastensonntagen vor Ostern die Passionsspiele. Auf deutsch. Fast jeder in diesem kleinen Städtchen spielt mit und gehört dem Verein an, der die Passionsspiele aufführt. Und das seit 60 Jahren, immer wieder, jedes Jahr fünfmal. Fast ist man an Ötigheim erinnert, aber hier in Masevaux im Gemeindehaus ist scheinbar jeder, der ganze Ort eingebunden.

Schon zum Mittagessen, das im unteren Saal angeboten wird, hat man das Gefühl, aufgehoben zu sein. Pastete, Gefüllte Kalbsbrust mit Nudeln und Apfelkuchen werden serviert. Die Damen und Herren erkennt man später auch auf der Bühne wieder. Vom Platzanweiser zum Kartenverkäufer, von der Getränkeverkäuferin bis zum Manager des Vereins, das ganze Dorf ist dabei. Jeder, auch die Kinder, fühlt ich als Teil ihres großen Gemeinschaftswerkes, der Passion.

„Mein Mann ist der Kaiphas", erzählt die Programmverkäuferin. Sie berichtet weiter, daß oft bis zu 80 Personen auf der Bühne stehen. Fast 200 freiwillige Spieler, die allen sozialen Schichten angehören, wirken mit. Alle sind Einwohner von Masevaux.

Wirklich niemand sei Profi, bestätigt die Vereinsangehörige noch einmal auf mein ungläubiges Fragen. Manche dieser Laienschauspieler stellen ihre Rolle so überzeugend dar, sie sind als Laien wirklich nicht zu erkennen. Ihr schauspielerisches Talent, verstärkt durch ihre Überzeugung und Leidenschaft, fast Inbrunst, läßt diese Menschen ihre Passion selbst erleben, jeder ist selbst mittendrin.

Vom kleinen Dreijährigen bis zum Großvater spielen wirklich ganze Familien-Generationen mit. Und wer zuerst nur eine kleine Rolle hat, lernt über die vielen Jahre mit. Auch Kaiphas habe zuerst den Diener des Hohen Rates, Malchus, gespielt, bis sein Vater aufhörte und ihm diese Rolle vererbt hat. Wenn auch etwas schauspielerisches Talent in der Familie liege, erzählt die Programmverkäuferin weiter - ihr Mann spiele sonst auch im elsässischen Theater mit -, sei diese Passion doch eine besondere Herausforderung, vor der die Spieler in jedem Jahr besonderes Lampenfieber hätten. Denn der Text dieses Monumentalwerkes in 12 Akten, das fast fünf Stunden dauert, ist in Versen geschrieben. Da gehe es nicht an, daß man schnell mal beim Text mogle. „Sonst stimmen die einfachen Reime nicht mehr", berichtet unsere Informantin. Schon drei Monate vor der ersten Aufführung werde der Text wieder eingeübt und in den letzten drei Wochen sei jeden Abend Probe. Für alle Mitspieler, und das seit 1930, Jahr für Jahr, fünfmal.

Im Jahre 1930 sahen über 900 Kinder das Passionsspiel, das der Abbé Hassenforder aufführte, zum erstenmal. Die Texte, von Abbé Schmidlin in deutsch geschrieben, haben sich inzwischen tief in die Geschichte des kleinen Ortes im Dollertal eingegraben. Bald nach dem Krieg, 1947 schon, war es dem Glauben und der Überzeugung der Schauspieler zu verdanken, daß dieses Spiel wieder aufgenommen wurde. Und niemand kann sich mehr vorstellen, dieses Spiel zu beenden.

Schon die erste Szene, als Jesus in Jerusalem einzieht, auf einem lebendigen Esel, von fast 60 Menschen mit Palmzweigen begleitet, läßt erahnen, welche Leistung allein schon der Bühnenaufbau und die Herstellung der Kostüme erfordert. Fast in jedem der zwölf Akte ist ein neues, sehr aufwendiges Bühnenbild zu sehen, das in den kurzen Pausen blitzartig und geräuschlos gewechselt wird. Schon allein darauf ist man in jedem Akt neu gespannt. Vor dem Tempel in Jerusalem, beim Hohen Rat, bei Pilatus oder in den engen Gassen Jerusalems, den Ölberg hinauf, immer wieder beeindruckende Bilder.

Besonders bei den großen Massenszenen zeigt sich die Vielfalt der Kostüme und ihre beeindruckende Farbgebung. Wertvolle Gewänder des hohen Rates, einfache Tuniken der Männer und Frauen oder Kinder, aber auch stilechte Rüstungen und Helmbüsche der römischen Soldaten beeindrucken den Zuschauer, lassen ihn mitfiebern. Nach der Pause (nur einer, nach zweieinhalb Stunden) erwarten die Gäste voller Spannung den Fortgang der Leidensgeschichte mit den doch so bekannten Texten aus den Evangelien der Osterliturgie.

Palmsonntag, Gründonnerstag, Karfreitag anschaulich und spannend dargestellt. Und kein bißchen Show dabei. Hier merkt man wirklich, daß die Schauspieler mit dem Herzen dabei sind. Sie bitten sogar vorher darum, keinen Beifall nach den einzelnen Szenen zu spenden. Und manchmal wäre man doch so versucht, Szenenapplaus zu geben, wenn zum Beispiel Judas auftritt. Seine Zweifel, sein inneres Ringen als Apostel, seine Geldgier, aber auch seine innere Zerrissenheit wegen diesem Konflikt stellt er so überzeugend dar, daß man gerne seinen Namen erfahren würde. Auch Pilatus, auch Jesu Mutter Maria, alle spielen kaum ihre Rolle, sie verkörpern diese wirklich. Und doch steht nirgends auch nur ein Name der Schauspieler. Maria Magdalena, die Frauen unterm Kreuz ergreifen die über vierhundert Zuschauer jeder Vorstellung. Jesus am Kreuz läßt die Zuschauer mitleiden, aber man spürt auch die österliche Freude, als er auferstanden ist und der Tod besiegt war.

„So stirbt kein Mensch, so stirbt nur ein Gott", sind nach fünf Stunden die letzen Worte des römischen Hauptmannes Longinus, bevor die Zuschauer mit einem triumphierenden Allelujagesang von ihren bequemen Stühlen aufstehen.

Ergriffen, müde und angespannt klatschen die Zuschauer Beifall. Sparsam, denn keiner der Spieler kommt vor den Vorhang, um sich noch einmal zu zeigen. Sie haben das Evangelium gespielt. Ein unvergessliches Erlebnis.

Albert Schulze


© @g 2001