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Zur Entwicklung der Volkstrachten in Europa

 

Die ersten systematischen Aufzeichnungen von Kleidersitten in Stadt und Land entstanden in der Renaissance, als man sich für das Individuelle in allen Bereichen der Kultur zu interessieren begann. Schon in dieser Zeit war man der Auffassung, daß es sich bei den Trachten Europas um ureigenstes, stammesgebundenes, vom Volk vor Zeiten selbst entwickeltes Kulturgut handle. Diese Ansicht war in der Romantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts neu belebt worden. Ein schier unüberschaubarer Reichtum an Grund- und Wechselformen, an Einzelerscheinungen und Übereinstimmungen kennzeichnet die Volkstrachten in Europa.

Die übergroße Vielfalt, die man im 19.Jahrhundert vorfand, hat sich allerdings erst im 18. Jahrhundert herausgebildet und war nicht, wie man damals und zum Teil auch noch heute annimmt, unverändert durch Jahrhunderte überliefert. „Wie alles Lebendige, ist und war auch die Volkstracht dem Wandel unterworfen. Oft sind die Trachtenstücke Nachahmungen modischer Vorbilder, aber das alles ist immer wieder im Überlieferungskomplex der Tracht in bald mäßiger Abwandlung, bald radikaler Veränderung zu einer Gesamtgestalt kombiniert, die in dieser Durchgestaltung doch einmalig und für das betreffende Trachtengebiet allein kennzeichnend ist, trotz Herkunft der Einzelelemente aus allgemein verbindlichen Kulturentwicklungen." (Prof. Josef Hanika)

Von welchen allgemein verbindlichen Kulturentwicklungen ist hier die Rede, und welche Übereinstimmungen und Gleichheiten haben sich trotz der erwähnten Vielfalt in den Volkstrachten durch diese gleichen Bedingungen und Einflüsse ausgeprägt und z. T. auch in weit auseinanderliegenden Landschaften erhalten? - Urformen, die aus sehr alten Kulturentwicklungen stammen, deren Ursprung nicht mehr zu datieren ist und die oft in vorgeschichtliche Zeit zurückgehen:

Tücher, die erst am Körper oder auf dem Kopf in jeder nur denkbaren Form zur Kleidung werden, sind hier wohl als erstes zu nennen. Sie sind aus keiner Tracht wegzudenken. Als Urformen möchte ich die Hemdschnitte bezeichnen, die wir gleich oder doch sehr ähnlich vom Balkan bis nach Skandinavien und weit über Europa hinaus finden.

Symbole, die in den Ornamenten der Volkskunst nicht nur Europas in den verschiedensten Techniken immer neu verwendet werden und wurden. Herz und Vogel, Baum und Dreisproß, Sonnenrad, Anker, Rose und Granatapfel sollen hier stellvertretend für eine große Vielfalt in der Symbolsprache, die früheren Generationen vertraut war, stehen.

Wolle, Pelz, Leder und Leinen sind immer die Hauptmaterialien der Bekleidung gewesen, denn fast überall gab und gibt es Schafzucht Jagd und Flachsanbau. Die Verarbeitung dieser Grundmaterialien, verbunden mit den Färbemöglichkeiten früherer Zeiten bedingt viele Übereinstimmungen in der Kleidung der verschiedenen Landstriche. Leinen war das einzige Material, das problemlos waschbar war. Es ist von größter Haltbarkeit und war über lange Zeit nur sehr schwer zu färben. Als Grob- und Feinleinen wurde es sowohl für Wäsche als auch für Oberbekleidung vor allem im Alltag überall verwendet. Aus der Struktur des Leinens ergeben sich vielfältige Verzierungsmöglichkeiten, die Phantasie und Mühe erfordern, aber nichts kosten, überall ein wichtiger Punkt bei der Herstellung bäuerlicher Kleidung. Bestimmte Ziertechniken, wie die Fadenzugarbeiten, sind an die „Leinenbindung" gebunden. In allen europäischen Trachten sind speziell bei Hemden und Haustextilien wahre Kunstwerke der Leinen-Nadelarbeiten entstanden.

Die gelbliche, ungefärbte oder später gefärbte Kniehose gehörte und gehört bei vielen Trachten, verziert oder. schmucklos, neben der Leinenhose vielerorts zur selbstverständlichen Ausstattung der Männer, ebenso wie die Pelzkappe. Während für die Tuch- und Lodenherstellung frühzeitig besondere Handwerker zuständig waren, gehörte die Wollaufbereitung, das Spinnen und Färben für die Hausware zur selbstverständlichen Aufgabe der Frauen im Haus. Streifenweben für Röcke und Westen finden wir wohl überall in Europa, besonders kunstvolle aber bei den Völkern Südosteuropas und rund um die Ostsee, deren Trachten ganz besonders durch ihre Kunstfertigkeit auf dem Webstuhl mitgestaltet wurden.

Neben diesen Grundmaterialien hat der Handel die Möglichkeit geboten, Stoffe, Bänder und vielerlei Ausputze, die in oft weit entfernten Landstrichen hergestellt wurden, zu kaufen. Die Waren wurden ja nicht nur auf den Märkten der Städte verkauft, vielfach brachten die fliegenden Händler sie in die Dörfer. Handels- und Schiffahrtsstraßen durchzogen ganz Europa. So brachten z. B. die Fuhrleute aus Lindenberg (Allgäu) besonders beliebte Seidentücher aus Mailand, die Mailänder- oder Flammentücher, zum Teil als Schmuggelware in ihren Fuhrwerken mit über die Alpen. Noch heute finden wir diese Tücher, die später auch in Barmer Manufakturen hergestellt wurden, in der Schweiz, überall in Süddeutschland, im Rheinland, Norddeutschland, Dänemark und Norwegen. Sie gehörten aber als Halstuch auch zur Männertracht der Roßberger in Oberschlesien.

Seidenstoffe, Seidentücher und Bänder aus Wiener, Schweizer und Rheinländer Webereien gelangten durch die Händler überall hin. So wie die Mailänder Tücher bis nach Oberschlesien und Norwegen wanderten, so fanden gedruckte Tücher aus dem Schweizer Kanton Glarns ihren Weg an die Nordseeküste, in den Böhmisch-Mährischen Raum, wo sie besonders begehrt waren, und nach Kroatien. Besondere Bedeutung maß man zu allen Zeiten dem Schmuck bei. Neben modischen Vorlieben und der Darstellung von Reichtum, die erst in späterer Zeit eine Rolle spielten, sprach man den Metallen, Perlen und Steinen und den Formen, zu denen sie verarbeitet wurden, besondere Schutzkräfte für Trägerin und Träger zu. Neben den heimischen Werkstätten spielte hier die Verbindung mit traditionellen Schmuckherstellern eine Rolle. Stellvertretend sei die Schmuckstadt Schwäbisch Gmünd genannt, die ihren Schmuck in ganz Europa versandte. Hier sei auch einmal an die Wandernden Handwerksgesellen erinnert, die, ehe sie sich als Meister niederlassen durften, drei Jahre wandern mußten, um in aller Herren Länder zu lernen, und die Techniken und sicherlich auch Modeerscheinungen mitbrachten und weiterverbreiteten. Sehr stark haben die Kleidermoden vergangener Epochen die bäuerlichen Trachten geprägt und einem ständigen Wandel unterworfen. Modeerscheinungen haben in den Trachten Jahrhunderte überdauert und prägen sie z. T. noch heute. Dies trifft z. B. auf verschiedene Kopftuchbindungen zu, die im 15. Jahrhundert üblich waren und uns auf vielen Zeichnungen und Kunstwerken überliefert sind. Wir finden diese altertümlichen Bindungen noch heute bei den Trachten der Siebenbürger Sachsen in Rumänien, in Kroatien, der Slowakei, in Norwegen, Frankreich und in Deutschland, sicherlich auch noch bei vielen anderen Frauentrachten Europas.

Ähnlicher Beliebtheit erfreuen sich noch in vielen Trachten die ursprünglich aus der spanischen Hofmode des 16./17. Jahrhunderts stammenden weißen Halskrausen und großen Spitzenkrägen. Die Kleidermode des Barocks hat mit Schnürmiedern und unterschiedlichen Farben für Rock und Oberteil die Gesamterscheinung der bäuerlichen Trachten wohl am nachhaltigsten beeinflußt. Sie bestimmte 150 bis 200 Jahre lang das Bild der Trachten und tut es auch heute noch vielfältig in Süd-, Mittel- und Nordeuropa. Nach Aufhebung der strengen Kleiderordnungen um 1800 und mit Beginn der Industrialisierung veränderten sich vor allem viele Trachten Süd-, Mittel- und Nordeuropas rascher. Die leichten Stoffe des Biedermeiers und auch seine typischen Schnittformen fanden vielerorts Eingang in die bäuerliche Kleidung. Die einfachere Herstellung der Stoffe und die erweiterten Handelsmöglichkeiten machten den schnellen Wechsel möglich.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts verschwanden viele der Volkstrachten aus dem täglichen Leben. Nur wenige haben sich in ihren ursprünglich vielfältigen Funktionen und Ausdrucksfähigkeiten bis heute erhalten.

Die Mode der Jahrhundertwende (vom 18. zum 19. Jahrhundert) hinterließ als letzte noch Spuren in manchen Trachten, vor allem in denen der älteren Frauen. Die europäischen Volkskulturen sind mit dem Schwinden der Trachten um vieles ärmer geworden. Um so wichtiger ist es, diesen einstigen Reichtum nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und durch Erhalt und Forschung, Neuarbeitung und natürlich durch das Tragen der Tracht einen Beitrag dazu zu leisten.

Helga Palmer

 


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